Zwei riesig aufgeblähte Info-Schwämme, deren quintessienzielle Auströpfelungen sich wellenartig durch die Blogosphäre rollen.
Wir diskutieren tröpfchenweise, geben ab und saugen uns voll - wir forschen und finden und fürchten nur die Dürre.
tomprix & jollyj
Es gibt doch immer etwas Neues, etwa deine eigene kleine Schnüffelseite (nein, ich meine nicht StudiVZ):
AOL Database Search aka “Der Albtraum” - Versehentlich stellte AOL vor zwei Jahren die Daten von über 650.000 Suchanfragen zum Download bereit. Das gesuchte Stichwort, die IP-Adresse des Nutzers und die letztlich angeklickten Links der Anfragen waren darin gespeichert. Noch ehe AOL die Daten ohne Schaden wieder vom Netz nehmen konnte, wurden sie bereits tausende Male heruntergeladen und zirkulieren seitdem im Netz. Irgendjemand richtete später diese Suchmaschine ein, mit der man die ganzen Daten durchforsten kann - welcome to myCIA.com!
Das es aber auch anders gehen kann, zeigt Ixquick aka “Der Traum” - Eine Meta-Suchmaschine, die nach eigener Angabe, die kompletten persönlichen Daten ihrer Nutzer nach 48 Stunden löscht und obendrein durch die Meta-Technologie (gleichzeitige Suche des Begriffs bei verschiedenen Suchmaschinen) noch brauchbare Suchergebnisse liefert. Dahinter steckt die Firma Surfboard Holding BV mit Sitz in den Niederlanden, die sich in Privatbesitz befindet und sich - ähnlich wie Google - über eingeblendete Werbung bei Suchanfragen finanziert. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherungempfiehlt ixquick.
An dieser Stelle sei heute auf eine wunderbares Projekt verwiesen, das immer wieder zu entzücken vermag: rebelart. Es ist der Blog zu dem Künstler-Netzwerk REBEL:ART, das in mehreren europäischen Ländern Happening-Kunst veranstaltet, sich aber hauptsächlich auf und provokative Street-Art konzentriert. Jüngstes Werk etwa war der “Egg Accident” in der niederländischen Stadt Leeuwarden des Künstlers Henk Hofstra Mehrere riesige, stilisierte Spiegeleier verzierten die Hauptstraße des Städtchen. Oder etwa “ReSIGNation” in Berlin, währenddessen mehrer Straßenschilder umgestaltet oder neu angebracht wurden, etwa ein “Snob”-Schild im Stile eines Stop-Schildes auf dem Kurfürstendamm, Berlins größter und bekanntester Einkaufsmeile. Neben der Street-Art, ist aber vor allem das werbungskritische “culture jamming” interessant.
Hier geht es den Künstlern darum, die Botschaften der Werbung zu persiflieren und umzudeuten, sprich die herkömmlichen Kanäle der Werbungsvermittlung zu blockieren, eben jene Kanäle auf der Straße, denen wir uns nicht durch Adblocker und obligatorische Klogänge während der TV-Werbung entziehen können. [1]
Ein schönes Beispiel, in dem Apples I-Pod-Werbung angegriffen wird, findet sich übrigens auf Youtube:
Weiterhin gibt Simon Mc Girr, ein englischer Desig-Student, eine gute Einführung zum Thema in seinem Blog. Er konzentriert sich vor allem auf die Entstehungsgeschichte dieser Kunstform. Beispiele für alle möglichen Formen des culture jamming lassen sich hier finden - es ist eine illustre Liste all jener Projekte, die SPON als “eine der innovativsten Bewegungen des Informationszeitalters” bezeichnet.
Und wo Werbung der Kunst immer ähnlicher wird, wie die aktuelle Ausstellung “Radical Advertising” in Düsseldorf zeigt, scheint es wirklich um so wichtiger Gegenpole zu finden, durch Guerilla-ähnliche Taktiken aufzudecken, wie Werbung heute funktioniert. Durchaus kritisch zu betrachten seien allerdings die Aktivitäten der culture jammer, allen voran der kanadischen Gruppe Adbusters, wie der Marketing-Blog meint, schließlich würde sie mit ihren Aktionen die Bekanntheit der Marken nur noch steigern und “genau die Menschen erreicht werden, die Werbung an sich nicht erreicht.”
Das ist ein guter Einwand, allerdings übersieht der Autor, dass die Adbuster nicht davon ausgehen, dass es eine Gruppe gibt, die Werbung nicht erreicht, sondern, dass Werbung omnipräsent ist und jeden erreicht. In diesem Sinne sind ihre Aktionen durchaus sinnvoll - ob sie allerdings konsequent sind, ist eine andere Frage. Im Grunde lassen sich diese Künstler auf einen Kampf ein, der nach den Spielregeln der Werbeindustrie geführt wird, auf den etablierten Kampf um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum - anstatt selbst neue Regeln zu definieren und neue Kanäle zu finden. Das ist ein Dilemma, das nicht so einfach zu lösen ist. Es stellt sich die alte Frage, ob man ein System verändern kann, wenn man selbst Teil dessen ist. Man kann es nur hoffen., Schließlich fehlen die Alternativen. Denn jeder Kanal, den werbungskritische Künstler nutzen könnten (man denke an zum Beispiel eher unabhängige, alternative Medien wie Blogs, Youtube-Videos, etc) , würde in kurzer Zeit von der Werbeindustrie auch genutzt werden - siehe virales Marketing und der Fall des Horst-Schlämmer-Blogs, der eigentlich eine verkappte VW-Werbekampagne war.
[1]Der Begriff des Culture Jamming soll übrigens eine Analogie auf das radio-jamming sein, das Blockieren bestimmter Funk-Frequenzen - so steht es in dem englischen Wikipedia-Artikel dazu, der allerdings als “disputed” gekennzeichnet ist. Noch ist der Begriff nicht klar definiert, zu viele verschieden Richtungen lassen sich als “culture jamming” definieren.
Manch einem mögen die steten Warnungen vor Mißbrauch seiner Daten äußerst übertrieben vorkommen. Markus Beckedahl allerdings hatte vor Jahr und Tag bereits auf heise.de folgende Meldung gefunden:
Li Yuanlong, ehemaliger Reporter der südchinesischen Zeitung Bijie Daily, wurde unter dem Vorwurf der Subversion zu zwei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt.[...] Die Behörden sollen Li Yuanlong über E-Mails, die von einem Hotmail-Konto verschickt wurden ausfindig gemacht haben. [Hervorhebung durch Autor] Microsoft hat wiederholt bestritten, an der Weitergabe der Kundendaten aktiv beteiligt gewesen zu sein. Im Fall von Yahoo liegen der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hingegen zahlreiche Hinweise und Belege für die Freigabe von Kundendaten gegenüber chinesischen Behörden vor. Anfang Juli hat sich auch das Europäische Parlament eine Resolution zur freien Meinungsäußerung im Internet verabschiedet und Firmen wie Yahoo, Google und Microsoft dafür kritisiert, dass sie der chinesischen Regierung die Zensur ihrer dortigen Dienste erleichterten beziehungsweise ermöglichten. [...]
Diese Bilder haben wir in Sichuan und Yunnan, zwei chinesischen Provinzen, aufgenommen, die zwar heute nicht mehr offizieller Teil der chinesischen Verwaltungsregion “Tibet” sind, aber immer noch eine hohe Dichte an Tibetern aufweisen. Es ist gar so, dass die dort lebenden Tibeter mehr Autonomierechte haben (bzw. hatten, angesichts der jüngsten Entwicklungen). So war es ihnen etwa erlaubt, Bilder des Dalai Lama bei sich zu tragen.
Und Tibet ein Mekka für Fotografen. Das Licht ist anders auf den Plateaus, klarer, heller und die Farben sind intensiver. Auch sind die Tibeter selbst verrückt nach Kameras, sie posieren für dich, fordern dich auf noch mehr Bilder zu machen und noch mehr und kichern und staunen, wenn sie die Fotos dann auf dem Bildschirm der Kamera sehen.
Sieh da! Ein kleines Meisterwerk des Journalismus, ein Innehalten, ein Sezieren, ein Beobachten, punktgenau und doch nicht starr fixiert, den spazierenden Gedanken einen Weg bahnend - selten genug in unseren rasanten Zeiten.
Gene Weingarten, Journalist der Washington Post, hat vor einem Jahr mit dem weltweit bekannten und verehrten Geiger Joshua Bell ein Experiment in Washington gewagt: Für eine Stunde sollte er auf seiner Stradivari zur allmorgendlichen Rush-Hour in einer Metro-Station spielen - wenn Buchhalter und Sicherheitsbeamte, Bedienstete des Staates und der Library of Congress zu ihrer Arbeit hasten.
Würden sie alle innehalten und dem Meister, der mit seinem schöpferischen Furor mühelos jeden Konzertsaal der Welt füllt, beim Spielen zuhören? Oder würden sie, zu Boden starrend dem Dilemma der Situation durch eine Beschleunigung ihres Ganges zu entfliehen suchen?
Nach einer Stunde in der kalten Vorhalle der Metro-Station hat Joshua Bell 32$ eingenommen. Drei, vier Passanten blieben für eine Minute stehen und hörten zu, tausend andere sausten, ohne kaum den Kopf zu heben, an dem Virtuosen vorbei - ein paar Tage später wird er den Avery-Fisher-Preis als bester klassischer Musiker Amerikas bekommen.
So schreibt Weingarten, der für diese Reportage, “Pearls before Breakfast genannt”, einen hochverdienten Pulitzer-Preis bekommt, ein Lehrstück über den Zusammenhang, der alles deutlich machen kann, aber ebenso viel verzehrt. Der Begriff des Kontexts ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Experiments und ist gar, soweit geht Weingarten nicht, der Schlüssel zu noch viel mehr:
Denn wenn unter den Fingern chinesischer Blogger grau-dämonische Drohgebilde entstehen, um westliche Medien einzuschüchtern und wenn unter der Druckerpresse der europäischen Medienhäuser einseitige Menschensrechtsappelle erscheinen, die Grundprinzipien Chinas verkennen, ist das eine Frage des eigenen Standpunktes, der eigenen Weltsicht. Und wenn die Fortschrittsjünger der kranken Welt das Allheilmittel des Internets und der engeren Kommunikation verschreiben, dann mißachten sie, dass das Internet nicht einfach nur Medium ist, einfach nur Vermittler von Informationen, genauso wenig wie es Bücher, Radio oder Fernsehen waren, sondern durch und durch Gestalter ist; besser die Menschen, die Nachrichten produzieren, den “Content”, die Gestalter sind und dadurch Wahrnehmung verändern, weil eine binäre Reihe von 0 und 1 zwar Inforamtionen vermittelt, aber nicht addierbar ist. Sie sind nicht die Realität. Der Kontext fehlt, der Zusammenhang, die Ganzheit der Informationen.
Und noch hat niemand die Webcam erfunden, mit der ich meinem virtuellen Gegenüber in die Augen schauen kann, noch hat niemand die Technik entwickelt, in Gera am Rechner zu sitzen und den malayischen Urwald, das Rascheln und Rasseln, das Krächzen und Kriechen wahrzunehmen, die Schwüle zu spüren, die dich umfasst, die würzig-warme Luft zu atmen und wahrhaft dort - mit allen meinen Sinnen - zu sein. Noch hat kein statisch-mathematisches Lernprogramm, den Mentor ersetzen können, der mit nachsichtigem Blick und harter Hand, dir die Welt zu verstehen hilft. Noch sind alle Versuche fruchtlos geblieben, mich, Dich, die Menschheit, in diesen Kasten zu stopfen. Im Netz zeugen wir keine Kinder und gebären sie nicht, sterben und weinen, lieben und leiden nicht. Der Griff in den schier unermäßlichen Topf des Internet-Lebens bringt nur dünne fleischlose Brocken zu Tage, magere Kost, nur die Illusion einer Realität.
Es ist wohl eines der großen Entdeckungen letzlich: der soziale, interaktive, kommunikative Raum. Web 2.0. Etwas verwundert mich jedoch: all dies erzeugt nicht nur medialen sondern auch elektrischen Konsum. Mehr Menschen auf der Welt nutzen häufiger und intensiver das Netz, sogar auf Don Det in Laos findet man einen Internetanschluss. Allerdings benötigen auch Unternehmen wie Facebook oder Google riesige Mengen an Strom um die erforderte Leistung zu liefern und vielmehr noch die Anlagen vor Überhitzung zu schützen, abzukühlen. Fazit: trotz großer Errungenschaft könnte das Netz der Tropfen sein, der das ökologische Fass zum überlaufen bringt.
Für alle, die das Ganze mit den Web 2.0 noch nicht verstanden haben, hier ein kurze, wirklich sehenswerte Einführung von Mike Wesch, einem amerikanischen Kulturanthropologen, der auch einen interessanten Blog hier schreibt:
Fraglich bleibt aber, ob Web 2.0 wirklich alles verändern wird, all jene Dinge, die der Professor aufzählt am Ende seines Videos. Grundständige, zutiefst menschliche Bereiche wie Liebe und Familie kann es noch nicht und wird es auch niemals verändern können, keine Maschine wird das können, weil keine Maschine je mit der Komplexität der Realität in derselben Weise fertig wird, wie es unser Körper kann. Liebe und Familie sind zwei genuin körperliche Dinge, die real erlebt werden müssen, um ihre volle Wirkung, ihren ganzen Zauber zu entfalten.
Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie die Wissenschaft langsam beginnt, das Chaos zu verstehen, das das Internet erzeugt, wie sie es ordnet und strukturiert und zeigt, das und wie es unser Leben verändern kann - und dass sie obendrein zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse genuin web-spezifische Technologien verwendet, wirkt wie ein wohl gesetzter ironischer Kontrapunkt, wie ein Grinsen und ein: Siehst du! Wir haben recht!
Aufgenommen 17 Jahre nach der Wiedervereinigung in Gera, Thüringen.
“Nur der Staatsvertrag gibt die Chance, dass Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Sachsen bald wieder zu blühenden Landschaften werden können, in denen es sich für jeden zu leben und zu arbeiten lohnt…”
(Helmut Kohl, 21.06.1990, bei der Debatte im Bundestag um den Staatsvertrag)
Aka.aki, die neueste Kopie von Facebook, präsentiert sich seit kurzem mit einem netten Video im Netz. Das System macht es Handy-Nutzern möglich, durch ein Facebook-ähnliches System zu kommunizieren.
Schon zu Beginn wird klar gestellt, für welchen Typus dieses Medium ausgelegt ist und wie dieser es optimal verwendet: unsere Hauptdarstellerin Stefanie bekommt eine Nachricht von ihrer Freundin Lisa, die ihr sagt, dass sie “eine heiße Braut” sei, - “aber das weiß Steffi ja schon.”. Große Klasse. Ein weiterer Effekt wird im Laufe des Videos deutlich: bist du ein Student, wirst du mit Aka.aki warscheinlich die Uni schmeißen müssen - nicht nur, dass Steffi vergisst, auszusteigen, sie entscheidet sich lieber dafür, in einem Café mit ihrem Handy nach Jungs zu chatten, als die Vorlesung zu besuchen. Am Ende des Tages ist Steffi ziemlich geschafft, musste sich ja auch den ganzen Tag auf den Minibildschirm ihres Handys konzentrieren, und obwohl sie durch Aka.aki drei potenzielle Partner ausspähen und anmachen konnte, liegt sie abends allein in ihrem Ikea- Bett.