Wir, die Heralde

Bloggen scheint eine neue Ära der Information und des Journalismus einzuleiten. Alle renommierten Zeitungen, Fernseh- und Radiosender berufen sich in ihren Beiträgen inzwischen, gerade bei originären Internet-Themen, auf die Blogosphäre. Und in seltenen Fällen gar übernimmt der Blogger selbst die Rolle des Informationslieferanten wie etwa zuletzt bei den Unruhen in Burma geschehen, wo die Militärjunta eine Nachrichtensperre über das Land verhängte und die Weblogs die einzige Möglichkeit waren, Bilder und Nachrichten aus dem Land zu übermitteln – bis das Regime auch die Internetleitungen kappte. In beiden Fällen waren Blogs also eine fruchtbare Ergänzung zu oder – im Falle von Burma – sogar Ersatz von klassischen Nachrichtenkanälen.

Dem Prinzip des Blogs wohnt also ein enormes Potential inne. Es kann Informationen liefern, wo die großen Nachrichtenhäuser versagen, es kann ein zwar subjektiv gefärbtes, aber doch authentisches Bild liefern, nicht nur von den Krisenplätzen dieser Welt, sondern von allen Plätzen dieser Welt. Ein Blog kann die Bilder liefern, die hinter den wohlfeilen Fotos von händeschüttelnden Politikern und Pressekonferenzen, stehen.

Die Digitalisierung, der inzwischen selbstverständliche Einsatz von Computern, stellt nichts weniger als eine Revolution dar, eine Revolution, die unseren Alltag so nachhaltig verändern wird wie seinerzeit nur die Erfindung des Buchdrucks und die Einführung moderner Massenmedien wie Radio und Fernsehen.

Wahrscheinlich wird in der Welt der Information eine Entwicklung stattfinden, die wir heute schon in der Musikbranche beobachten können. Es diversifiziert sich. Wie die CD-Verkaufs-Charts an Rang und Autorität verlieren, so werden auch die alten Meinungsburgen geschliffen. Leitartikel sind nur noch eine Meinung unter vielen. Ihre Deutungshoheit haben sie eingebüßt, weil das Internet und – in bedeutender Weise – auch Blogs es ermöglichen, sich sofort qualifizierte Informationen über ein Thema zu holen, tausende Meinungen in Foren und Kommentarspalten miteinander zu vergleichen und sich selbst – quasi ungefiltert – eine Meinung zu bilden.

Mit dem Verlust der Deutungshoheit geht allerdings – wie oben schon angesprochen – auch ein Verlust der Infomationshoheit der klassischen Medien einher. Informationen wurden früher mündlich, dann handschriftlich, später gedruckt und visuell weitergegeben. Heute sind Informationen nur noch eine Aneinanderreihung von 1 und 0. Informationen sind nur noch Bytes, die kinderleicht von einem Ende der Welt an das andere übertragen werden können. Mit den Bytes geht keine Wertung einher. Man sieht ihnen nicht an, ob es nun für mich wichtige Bytes sind, Bytes, die mir helfen könnten, das Puzzle der Erde zusammenzufügen und ein Gewinn für mein Leben wären. Nun wäre es sicherlich etwas voreilig zu sagen, dass jeder Leitartikel der SZ ein Gewinn für mein Leben ist (mit Sicherheit nicht), aber er hilft mir auf jeden Fall das grosse Puzzle zusammenzufügen, ist nämlich zutiefst wertend, gibt quasi formal eine Meta-Information über das behandelte Thema mit: Dieses Thema ist wichtig.

In einer Welt, in der sich jeder persönlich Informationen sammeln kann, verliert die Nachricht an sich an Wert, die Meinung aber, die wohlbegründete wohlgemerkt, sowie das Hintergrundwissen wird deutlich teurer. Wenn tausend Stimmen über ein Thema sprechen, höre ich zuerst vielleicht auf diejenige, die am lautesten spricht, auf die Dauer aber höre ich auf die informierte, klare, beständige Stimme. Um es mal in ein Beispiel zu packen: Während die klassischen Tageszeitungen an Auflage verlieren, gewinnt die Zeit deutlich an Lesern. Wertvolle Informationen, die ganz unaufgeregt die Hintergünde der aktuelle Themen ausleuchten, gewinnen, normale Informationen aber, nach dem Muster „Gestern hat X mit Y in K irgendetwas besprochen…“ verlieren. Sie sind viel schneller, aktueller und sogar kostenlos auf dem Nachrichtenportal der Wahl abzurufen.

Und der Blogger? Welche Rolle spielt der Blogger? Besser: welche Rolle kann der Blogger spielen? Selten wird er wichtige Informationen als erster oder einziger liefern können, manchmal wird er die Hintergründe ausleuchten, immer aber wird er eine Meinung liefern, besser noch Geschichten erzählen können.

Und genau darin liegt das Revolutionäre des Bloggers. Er ist das moderne Äquivalent zu Marathon, jenem Herald, im antiken Griechenland der 42 Kilometer lief, um in Athen den Sieg über die Perser zu verkünden. Der Blogger ist der Gutenberg des 21. Jahrhunderts, er ist eine Sendeantenne, er funkt ungefiltert und macht die Welt damit wahrhaft zum Dorf.

tomprix & JollyJ

3 Kommentare

  1. sein oder nicht sein,das ist hier die frage!
    internet-fruchtbar oder furchtbar,das ist auch so´ne frage…!Das ist wohl so,wie bei allen anderen medien,es kommt auf die eigenschaften der personen an, welche es nutzen,ausnutzen oder benutzen

  2. Mit Sicherhheit, letztlich wurde noch jedes neue Medium bekämpft und verteufelt, bis die folgende Generation mit aller Selbstverständlichkeit die Medien nutzte und die Kritiker starben und sich die Welt immer noch weiterdrehte – trotz des Buches, des Radios, Fernsehens, trotz des Internets.

  3. was könnte nach dem internet wohl kommen, der mensch braucht doch etwas zum verteufeln?


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