Ein kleiner Moment in der großen Diskussion

Der Brand von Ludwigshafen ist immer noch ein Thema – indirekt jedenfalls. Anfängliche Spekulationen über eine mögliche rassistische Brandstiftung (ob Brandstiftung oder nicht ist bis heute nicht geklärt) haben sich gewandelt, sind gewachsen und zu einer handfesten Debatte über Integration und Assimilation geworden. Diskutiert wird weniger unter den Deutschen, als zwischen Deutschen und Türken, jedenfalls zwischen deutschen und türkischen Politikern, Integrationsbeauftragten, Chefredakteuren und Verbandsmitgliedern. Mit mir und Dir und Hinz und Kunz und Durmuş und Onur hat das alles nur wenig zu tun – die da oben diskutieren und wir trauern villeicht, leben weiter, wollen etwas ändern und stehen doch wieder sprachlos neben unserem türkischen Nachbarn im Fahrstuhl.

Für eine kurze Verständigung braucht es nicht viel, nur etwas Neugier und Unbekümmertheit vielleicht.

Schaut her:

Mittagspause. Kurz den Brief einwerfen, dann essen, rauchen, in die Sonne blinzeln und mich notgedrungen wieder in das dunkle Büro verziehen. Aber zuallererst: Eine Briefmarke! Am Automaten vor mir eine Frau, blonde Haare, Deutsche mit zwei Kindern. Die Kinder sind aufgeweckt, unerschrocken und klauen ihr immer wieder das durchgerutschte Kleingeld aus dem Münzbehälter. Von hinten kommt eine andere Frau, Kopftuch, Türkin mit zwei Kindern. Ihre Kinder sprechen schnell, tragen einen Ranzen, kommen sicher von der Schule. Die Mütter mustern sich kurz im Vorbeigehen und schweigen. Die Kinder begutachten sich auch, unverschämt offen schauen sie sich an und die zwei Kinder der Deutschen rufen vergnügt Hallo! und die türkischen Kinder lachen zurück und winken.

Ich muss grinsen. Es ist nicht viel, aber immerhin etwas, ein kleiner Moment – und auf jeden Fall mehr als viele Erwachsenene (und letztlich nicht nur die Politiker) zu leisten im Stande sind.

JollyJ

2 Kommentare

  1. ja es sind die kleinen Momente im Leben mit wenig Aufwand viel zu erreichen und große Momente können wir leider nicht von der Politik erwarten.

  2. Ich glaube schon, dass wir große Momente erwarten können, es sei etwa erinnert an Willy Brandts Kniefall. Das Paradoxe ist, dass das das große in der Politik übergroß sein muss, umwahrgenommen zu werden. Gute, schöne Nachrichten verkaufen sich schlecht in den Medien.


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s