Das Web – Nur Illusion der Realität

Sieh da! Ein kleines Meisterwerk des Journalismus, ein Innehalten, ein Sezieren, ein Beobachten, punktgenau und doch nicht starr fixiert, den spazierenden Gedanken einen Weg bahnend – selten genug in unseren rasanten Zeiten.

Gene Weingarten, Journalist der Washington Post, hat vor einem Jahr mit dem weltweit bekannten und verehrten Geiger Joshua Bell ein Experiment in Washington gewagt: Für eine Stunde sollte er auf seiner Stradivari zur allmorgendlichen Rush-Hour in einer Metro-Station spielen – wenn Buchhalter und Sicherheitsbeamte, Bedienstete des Staates und der Library of Congress zu ihrer Arbeit hasten.

Würden sie alle innehalten und dem Meister, der mit seinem schöpferischen Furor mühelos jeden Konzertsaal der Welt füllt, beim Spielen zuhören? Oder würden sie, zu Boden starrend dem Dilemma der Situation durch eine Beschleunigung ihres Ganges zu entfliehen suchen?

Nach einer Stunde in der kalten Vorhalle der Metro-Station hat Joshua Bell 32$ eingenommen. Drei, vier Passanten blieben für eine Minute stehen und hörten zu, tausend andere sausten, ohne kaum den Kopf zu heben, an dem Virtuosen vorbei – ein paar Tage später wird er den Avery-Fisher-Preis als bester klassischer Musiker Amerikas bekommen.

So schreibt Weingarten, der für diese Reportage, „Pearls before Breakfast genannt“, einen hochverdienten Pulitzer-Preis bekommt, ein Lehrstück über den Zusammenhang, der alles deutlich machen kann, aber ebenso viel verzehrt. Der Begriff des Kontexts ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Experiments und ist gar, soweit geht Weingarten nicht, der Schlüssel zu noch viel mehr:

Denn wenn unter den Fingern chinesischer Blogger grau-dämonische Drohgebilde entstehen, um westliche Medien einzuschüchtern und wenn unter der Druckerpresse der europäischen Medienhäuser einseitige Menschensrechtsappelle erscheinen, die Grundprinzipien Chinas verkennen, ist das eine Frage des eigenen Standpunktes, der eigenen Weltsicht. Und wenn die Fortschrittsjünger der kranken Welt das Allheilmittel des Internets und der engeren Kommunikation verschreiben, dann mißachten sie, dass das Internet nicht einfach nur Medium ist, einfach nur Vermittler von Informationen, genauso wenig wie es Bücher, Radio oder Fernsehen waren, sondern durch und durch Gestalter ist; besser die Menschen, die Nachrichten produzieren, den „Content“, die Gestalter sind und dadurch Wahrnehmung verändern, weil eine binäre Reihe von 0 und 1 zwar Inforamtionen vermittelt, aber nicht addierbar ist. Sie sind nicht die Realität. Der Kontext fehlt, der Zusammenhang, die Ganzheit der Informationen.

Und noch hat niemand die Webcam erfunden, mit der ich meinem virtuellen Gegenüber in die Augen schauen kann, noch hat niemand die Technik entwickelt, in Gera am Rechner zu sitzen und den malayischen Urwald, das Rascheln und Rasseln, das Krächzen und Kriechen wahrzunehmen, die Schwüle zu spüren, die dich umfasst, die würzig-warme Luft zu atmen und wahrhaft dort – mit allen meinen Sinnen – zu sein. Noch hat kein statisch-mathematisches Lernprogramm, den Mentor ersetzen können, der mit nachsichtigem Blick und harter Hand, dir die Welt zu verstehen hilft. Noch sind alle Versuche fruchtlos geblieben, mich, Dich, die Menschheit, in diesen Kasten zu stopfen. Im Netz zeugen wir keine Kinder und gebären sie nicht, sterben und weinen, lieben und leiden nicht. Der Griff in den schier unermäßlichen Topf des Internet-Lebens bringt nur dünne fleischlose Brocken zu Tage, magere Kost, nur die Illusion einer Realität.

[zweimal aktualisiert || via Mathlog/Reportagenblog]

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