Aufmerksamkeit schwindet – Probleme bleiben

Nicht nur im Bloggerdorf, auch auf politischer Ebene bedient man sich gerne solcher PseudoTaten. Wenn in besonderen Krisen RegierungsChefs verstoßene Oberhäupter auf ihren Regierungssitzen empfangen, setzen sie Zeichen, beweisen auch Mut, sich gegen die Maßregelungen ihrer Minister durchzusetzen.. und sonst? Die deutsche Regierung erkennt den Staat Tibet weder als autonom an, noch wurden bedeutende Schritte unternommen, eine Verbesserung zu erreichen. Denn selbst wenn das Autonomiestreben offensichtlich unterstützt wird, sieht die Regierung den Staat doch als Teil der Chinesischen Regierung.

Sicher, Diplomatie mag wichtig sein, doch nicht genug. Auch hier drückt man sich vor Handlungen mit Konsequenzen, wie im Netz zeigt man leere Courage, mehr nicht. Zumal die Frage von mir geäußert wird, inwieweit ein Empfang des Lama nicht auch zu einem Marketingapparat „Regierung“ gehören könnte. Sprich, es ist äußerst repräsentativ, das tibetische Oberhaupt zu empfangen, es ist „in“. Tibet und Asien ist trendy, Wohnzimmer werden mit Gebetsfahnen und Räucherstäbchen dekoriert, die Nachrichten mit Mönchsempfangen ausgeschmückt.

Der kleine Blogger in seinem Wohnzimmer, in Anteilnahme lebhaft ergriffen, seinen Saft hinzugebend, in den virtuellen Bus richtung Demo-Demoktatie einsteigend, mag zumindestens ein ernsteres Streben an den Tag legen. Doch auch er ist nur vom Hype ergriffen. Wieviele von den jetzt Bloggenden haben vor 2 Jahren Anteilnahme im Fall Tibet gezeigt, wieviele werden nach den olympischen Spielen noch darüber Tippen? Und was ist eigentlich mit Gaza? Was mit Sudan? Und fand (und findet) nicht auch in unserem eigenem Kulturkreis eine grobe Menschenrechtsverletzung statt? Die Liste der aus der öffentlichen Aufmerksamkeit Gerückten ist lang. Unüberschaubar und schwer fassbar, wie das Netz und seine Informationslieferungen sind, verliert man nicht nur den Überblick, sondern auch den Faden. So geraten Themen aus dem Fadenkreuz, werden durch Schnelllebigkeit und Fortschritt verdrängt, oder auf die lange Bank in die Vergessenheit geschoben. Denn nur wer aktuell ist, kann mitreden. Wer thematisiert auch schon gerne über Monate und Jahre hinweg das selbe Problem, ohne dass eine Änderung absehbar ist. Up-to-date existierte als Vokabel in diesem Lexikon der Langlebigkeit nicht. Der Unterhaltung wegen erkundet man schnell neue Kreise so. Weshalb sich dann nichts ändert… ein Teufelskreis. Attention ceases – but the problem stays. So fehlt neben dem Mut zu Konsequenzen vor allem auch die Geduld der Blogosphäre und der Berichterstattung.

Eines ist klar: unser OLYMPICS ON THE SLANT Topic bleibt auf diesem Blog bestehen, auch wenn die Olympischen Spiele (und die Tibeter) in China ausgespielt sind.

Des Bloggers Scheinheiligkeit – eine Polemik

Sein Name ist Ahmed Maher, er ist Ägypter. Im März diesen Jahres gründete er eine Facebook-Gruppe, die sich dem Widerstand gegen das autoritäre Regime von Hosni Mubarak verschrieben hatte. Die Mitgliederzahl explodierte, bald waren mehr als 74.000 Menschen der Gruppe beigetreten. Ihre Kraft, die vielgerühmte Macht der Masse, galt es nun zu nutzen. Man rief für den 80. Geburtstag von Mubarak zum Streik und friedlichen Protest auf.

Facebook, stellvertretend für all die anderen Web 2.0 – Basteleien, schien wirklich nützlich zu sein. Es war nicht mehr der graue, zeitstehlende Herr, zu dem es mit all seinen Fragespielchen geworden war. Es war das Mittel mit dem sich der Protest organisieren lies – Facebook als die Flugzettel, als die Anschläge und Graffiti, als die Mund-zu-Mund-Propaganda, die es vermag, Menschenmassen zu bewegen und alte Grundfesten zu erschüttern.

Und da war er wieder, der Traum der Blogger und Grasswurzel-Aktivisten, der Traum, die Welt zu einem besseren Platz zu machen.

Schon einmal wurde dieser Traum geträumt. Es war im letzten Herbst als sich viele Blogger in einen wahren Free-Burma-Rausch bloggten, es gab die Facebook-Gruppe, die Banner, die Petitionen, die roten T-Shirts zum Zeichen der Unterstützung für die protestierenden Mönche. Eine scheinbar gewaltige Bewegung formierte sich da. „Wired“ jubelte schon, sah darin gar den Beginn von etwas ganz Großem, von „open-source politics“. Nach freier Software nun also auch die freie Politik, die jeder gestalten kann und automatisch das Beste erreicht, weil tausende gleichzeitig daran arbeiten und gegenseitig ihre Fehler korrigieren.

Ja, es herrschte Aufruhr in Klein-Bloggersorf, man hatte einen Sinn gefunden, der sich nicht in Fachsimpeleien über neueste Gadget-Bling-Blings verlor.

Aber die Junta verhaftete immer noch Hunderte, folterte, tötete, igelte sich ein und terrorisierte ihr Volk. Sie zeigte all diesem gut gemeinten, aber im Grunde hohlen Geplapper der Blogger die kalte Schulter, zog die Zügel an und machte weiter wie zuvor.

Ironischer weise verschwand mit der Berichterstattung über Burma auch das Interesse der Blogger, unser Interesse an Burma. Wir hatten getan, was getan werden musste, hatten unseren Protest geäußert und konnten uns am Abend selbstzufrieden ob der vielen guten Taten ins Bett legen und einen neuen, schönen Tag in Klein-Bloggersdorf erwarten.

Damit haben wir uns belogen. Wir haben geglaubt, dass ein Banner auf dem Blog etwas bewegen kann, und wenn schon nicht ein einzelnes, so aber die tausenden Banner auf den tausenden Blogs, die Demos und T-Shirts. Ihre Wirkung verpuffte im Niemandsland der irrealen, sich selbst reproduzierenden Internet-Welt.

Aber es ist ein Unterschied, ob man im Netz nur etwas sagt oder ob man etwas macht in der realen Welt. „Open-source politics“ sind ein Mythos. Tausend Blogger können kein Land regieren und Hunderttausend kein Regime stürzen. Was als Graswurzel-Aktivismus bezeichnet wird, ist nicht mehr als das schwache Fauchen eines zahnlosen Tigers.

Denn einfach ist es nach Veränderung zu rufen, wenn man sie selbst nicht voranbringen muss, einfach ist es, zu kritisieren und zu empfehlen, wenn man selbst keine Verantwortung trägt, einfach ist es, im Internet den Heilsbringer unserer unperfekten Welt zu sehen, wenn man selber Blogger ist. Schwierig ist es aber, das eigene Unvermögen zu erkennen in einer Zeit, in der alles geht und alles gehen muss.

Ahmed Maher, der Gründer der ägyptischen Facebook-Gruppe, trägt Verantwortung. Er ist jetzt auf der Flucht. Die Polizei hatte ihn festgenommen und eine Nacht lang gefoltert. Sein Plan war gescheitert. Am 4.Mai, dem Tag des großen Streiks, demonstrierte kaum jemand. Ägypten blieb ruhig und die Macht von 74.000 Facebook-Mitgliedern war verflogen.

Das Internet? Gibts diesen Blödsinn immer noch?

…fragte Homer Simpson einmal. Medienlese.com hat die 50 besten Zitate von ähnlichen Geistesgrößen aus dem letzten Jahr versammelt. Wahrhaftig eine tour d’horreur! Etwas zum Kopfschütteln über viel Realitätsferne, Sturheit und Arroganz.

Interessant wäre es aber auch eine Liste aus Kommentaren der Blogger zum selben Thema zu erstellen, die den Journalisten, Politikern und Verlegern in Realitätsferne, Sturheit und Arroganz oft in nichts nachstehen.

JollyJ

Wir, die Heralde

Bloggen scheint eine neue Ära der Information und des Journalismus einzuleiten. Alle renommierten Zeitungen, Fernseh- und Radiosender berufen sich in ihren Beiträgen inzwischen, gerade bei originären Internet-Themen, auf die Blogosphäre. Und in seltenen Fällen gar übernimmt der Blogger selbst die Rolle des Informationslieferanten wie etwa zuletzt bei den Unruhen in Burma geschehen, wo die Militärjunta eine Nachrichtensperre über das Land verhängte und die Weblogs die einzige Möglichkeit waren, Bilder und Nachrichten aus dem Land zu übermitteln – bis das Regime auch die Internetleitungen kappte. In beiden Fällen waren Blogs also eine fruchtbare Ergänzung zu oder – im Falle von Burma – sogar Ersatz von klassischen Nachrichtenkanälen.

Dem Prinzip des Blogs wohnt also ein enormes Potential inne. Es kann Informationen liefern, wo die großen Nachrichtenhäuser versagen, es kann ein zwar subjektiv gefärbtes, aber doch authentisches Bild liefern, nicht nur von den Krisenplätzen dieser Welt, sondern von allen Plätzen dieser Welt. Ein Blog kann die Bilder liefern, die hinter den wohlfeilen Fotos von händeschüttelnden Politikern und Pressekonferenzen, stehen.

Die Digitalisierung, der inzwischen selbstverständliche Einsatz von Computern, stellt nichts weniger als eine Revolution dar, eine Revolution, die unseren Alltag so nachhaltig verändern wird wie seinerzeit nur die Erfindung des Buchdrucks und die Einführung moderner Massenmedien wie Radio und Fernsehen.

Wahrscheinlich wird in der Welt der Information eine Entwicklung stattfinden, die wir heute schon in der Musikbranche beobachten können. Es diversifiziert sich. Wie die CD-Verkaufs-Charts an Rang und Autorität verlieren, so werden auch die alten Meinungsburgen geschliffen. Leitartikel sind nur noch eine Meinung unter vielen. Ihre Deutungshoheit haben sie eingebüßt, weil das Internet und – in bedeutender Weise – auch Blogs es ermöglichen, sich sofort qualifizierte Informationen über ein Thema zu holen, tausende Meinungen in Foren und Kommentarspalten miteinander zu vergleichen und sich selbst – quasi ungefiltert – eine Meinung zu bilden.

Mit dem Verlust der Deutungshoheit geht allerdings – wie oben schon angesprochen – auch ein Verlust der Infomationshoheit der klassischen Medien einher. Informationen wurden früher mündlich, dann handschriftlich, später gedruckt und visuell weitergegeben. Heute sind Informationen nur noch eine Aneinanderreihung von 1 und 0. Informationen sind nur noch Bytes, die kinderleicht von einem Ende der Welt an das andere übertragen werden können. Mit den Bytes geht keine Wertung einher. Man sieht ihnen nicht an, ob es nun für mich wichtige Bytes sind, Bytes, die mir helfen könnten, das Puzzle der Erde zusammenzufügen und ein Gewinn für mein Leben wären. Nun wäre es sicherlich etwas voreilig zu sagen, dass jeder Leitartikel der SZ ein Gewinn für mein Leben ist (mit Sicherheit nicht), aber er hilft mir auf jeden Fall das grosse Puzzle zusammenzufügen, ist nämlich zutiefst wertend, gibt quasi formal eine Meta-Information über das behandelte Thema mit: Dieses Thema ist wichtig.

In einer Welt, in der sich jeder persönlich Informationen sammeln kann, verliert die Nachricht an sich an Wert, die Meinung aber, die wohlbegründete wohlgemerkt, sowie das Hintergrundwissen wird deutlich teurer. Wenn tausend Stimmen über ein Thema sprechen, höre ich zuerst vielleicht auf diejenige, die am lautesten spricht, auf die Dauer aber höre ich auf die informierte, klare, beständige Stimme. Um es mal in ein Beispiel zu packen: Während die klassischen Tageszeitungen an Auflage verlieren, gewinnt die Zeit deutlich an Lesern. Wertvolle Informationen, die ganz unaufgeregt die Hintergünde der aktuelle Themen ausleuchten, gewinnen, normale Informationen aber, nach dem Muster „Gestern hat X mit Y in K irgendetwas besprochen…“ verlieren. Sie sind viel schneller, aktueller und sogar kostenlos auf dem Nachrichtenportal der Wahl abzurufen.

Und der Blogger? Welche Rolle spielt der Blogger? Besser: welche Rolle kann der Blogger spielen? Selten wird er wichtige Informationen als erster oder einziger liefern können, manchmal wird er die Hintergründe ausleuchten, immer aber wird er eine Meinung liefern, besser noch Geschichten erzählen können.

Und genau darin liegt das Revolutionäre des Bloggers. Er ist das moderne Äquivalent zu Marathon, jenem Herald, im antiken Griechenland der 42 Kilometer lief, um in Athen den Sieg über die Perser zu verkünden. Der Blogger ist der Gutenberg des 21. Jahrhunderts, er ist eine Sendeantenne, er funkt ungefiltert und macht die Welt damit wahrhaft zum Dorf.

tomprix & JollyJ