Yup! Der Verstand!

Der Biedermeier also? Das Schreckgespenst des deutschen Revolutionärs aus den Bilderwelten von Carl Spitzweg in die digitale Welt umgezogen? Hier wie dort, so steif, so feige, so träge?
Mitnichten.
In einer Zeit, in der alles käuflich ist, in der die Kultur der Masse zur bestimmenden Größe unseres Denkens und Handelns geworden ist, bleibt nicht mehr viel Platz für Individualismus. Das scheint ein Widerspruch sein, ist doch das Internet das erste Medium, mit dem sich jeder barrierefrei so darstellen darf, wie er will. My Space & Co bieten die Möglichkeit tausenden Menschen auf seine Weise zu erzählen, wer man ist, wie gut, schön und kreativ man doch sei – und wie individuell.
Einzigartigkeit entsteht aber nicht durch das Zusammenstellen von Bildern, Zitaten, Links und Gruppen, Einzigartikeit ist ein Unding in sozialen Netzwerken; es bleibt nur die Wahl, ob man nun Bronze oder Eisen in die Form gießt. Man ist nur ein kleines Schaf in der blökenden StudivZ-Herde – da läuft die Sache ähnlich wie die Shoppingtour bei H&M. Jeder sucht sein Kleidungsstück, die Hose, die quasi nur für ihn erschaffen wurde, aber letztlich noch weitere Zweihunderttausend Mal in 1345 anderen Läden der Welt käuflich zu haben ist. Das ist Massenindividualismus – ein Widerspruch in sich.spitz1.jpgUnd mit diesem Widerspruch muss der moderne Mensch leben. Die Masse und der enger werdende Raum sind für uns zu Konstanten des Alltags geworden. Immer kleiner wird der Platz, den wir unserer Persönlichkeit zuweisen können, immer seltener die kleinen Verstecke unseres Selbst in einer Welt, in der bald sieben Milliarden Menschen leben. Als würden sich die Wände deines Zimmers auf dich zubewegen, leise, aber spürbar schnell, unaufhaltbar, mit einer Kraft, die niemand kontrolliert, die der Eigendynamik der Masse entspringt.

Wenn es aber schwieriger wird, der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, weil jeder Platz der Entfaltung vereinnahmt und publiziert und gespeichert wird, sei es durch die Wirtschaft in sozialen Netzwerken oder durch den Staat beim Reisen, muss sich der Mensch zunächst auf dass besinnnen, was er hat, was bereits ihm gehört: Seine Daten. Die Kombination aus physischen und charakterlichen Merkmalen, aus Körper und Geist, die ihn erst zu einem vollwertigen Menschen machen. Gibt er den Schutz dieser Merkmale auf, dann gibt er das Bild seiner Perönlichkeit jedem preis, den es interessiert.

Und es gibt eine Reihe von Interessenten. Es herrscht eine Arbeitsteilung: Die Wirtschaft möchte gerne mehr fast alles über den Charakter ihrer Kunden wissen, damit sie ihre Produkte besser verkaufen kann. Der Staat hingegen will die Daten, die dabei helfen Terrorismus und Verbrechen zu bekämpfen, er ist da eher Technokrat und will die Fingerabdrücke auf dem Pass speichern und im Notfall wissen, wen ich am 27.Januar 2008 von wo aus angerufen habe.

Wenn man Mitglied in StudiVZ ist, Kundenkarten benutzt und nebenbei einen neuen Pass beantragt hat, werden zur Zeit folgende Daten je nach eigener Wahl irgendwo digital gespeichert:

1) Fingerabdrücke

2) Biometrischen Daten des Gesichts

3) Finanzdaten

4) Studienort- und Studiengang

5) Mitglieder des Freundeskreis

6) Telekommunikationsdaten (einschließlich der Betreffzeile aller E-Mails)

7) Einkaufsverhalten

In diesem Lichte besehen, ist es nicht das Spießbürgertum von Neo-Biedermeiern, das Einzug hält in unseren guten deutschen Online-Stuben, sondern der gesunde Menschenverstand.

JollyJ

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Interessant, was sich gerade bei der Studivz Network-Studentenschaft ereignet: Scharenweise flüchten die Immatrikulierten in die Anonymität, verstecken sich hinter Pseudonymen oder verkriechen sich in die Privatssphäre, verschließen die Tore vor jeglichen Fremden oder Gästen.

Ja, schlussendlich hat der deutsche Biedermeier in der Community Einzug gehalten. Was früher einst das Wesen der Gemeinschaft ausmachte – jeder kannte jeden über irgendwelche Wege – ist heute eine Grüppchenbildung von Userkonten. Aus der Traum des Netzwerkes, vernetzt ist man schon lange nicht mehr.

Doch wo fing alles an? Die Werbung, die sich mit der Zeit einstellte, ließ den einen oder anderen schon etwas ahnen, die Bombardierung nahm zu, nervös wurde man auch, als das kleine beschauliche soziale Netzwerk zum Jahreswechsel vollends in das mächtige Boot der Holtzbrinck-Konzerne verladen wurde. Doch Panik erfasste die Gemeinde erst, als sich die Gerüchte herumsprachen: Firmen checken die Eignung ihrer Bewerber anhand der Layouts von Studiseiten. Löblich, vielleicht, dass sich keine Fleischschau a la MySpace entwickelte, doch der Stich ins liberale Herz war die neue AGB, einherreitend mit der Erwähnung Dritter und dem Datenhandel.

Seitdem findet man zu den Ursprüngen des sozialen Netzwerkes zurück, man könnte meinen, studivz nehme nun reale Züge an. Rückzug ist angesagt, WWW ist aus, man findet sich in sozialen Gruppen und Klassen zusammen, der einstige Zusammenhalt ist zersplittert, die Einheiten voneinander getrennt. Geteilt wurde man ja bereits schon einmal, in Studi- und Schüli-Welt. Nun, das ist de facto – Gesellschaft, wie sie von Pierre Bourdieu oder Berger/Luckmann umschrieben wird. Das ist aber auch der Biedermeier, der Rückzug ins Beschauliche, ins Idyll und ins Private sucht. Hecken und Gartenzäune sprießen aus der Erde, mehr und mehr Bilder hängen an der Wand, Kaffeekränzchen im Chat zum Sonntag. Die Restauration als Antwort auf die Enttäuschung im großen Gedanken und der Hoffnung, die ins Netz gesetzt wurde?

Naja, umso mehr kann man sich wenigstens wieder über Besuch freuen..

tomprix