studi deinen eigenen Eintrag

Interessant, was sich gerade bei der Studivz Network-Studentenschaft ereignet: Scharenweise flüchten die Immatrikulierten in die Anonymität, verstecken sich hinter Pseudonymen oder verkriechen sich in die Privatssphäre, verschließen die Tore vor jeglichen Fremden oder Gästen.

Ja, schlussendlich hat der deutsche Biedermeier in der Community Einzug gehalten. Was früher einst das Wesen der Gemeinschaft ausmachte – jeder kannte jeden über irgendwelche Wege – ist heute eine Grüppchenbildung von Userkonten. Aus der Traum des Netzwerkes, vernetzt ist man schon lange nicht mehr.

Doch wo fing alles an? Die Werbung, die sich mit der Zeit einstellte, ließ den einen oder anderen schon etwas ahnen, die Bombardierung nahm zu, nervös wurde man auch, als das kleine beschauliche soziale Netzwerk zum Jahreswechsel vollends in das mächtige Boot der Holtzbrinck-Konzerne verladen wurde. Doch Panik erfasste die Gemeinde erst, als sich die Gerüchte herumsprachen: Firmen checken die Eignung ihrer Bewerber anhand der Layouts von Studiseiten. Löblich, vielleicht, dass sich keine Fleischschau a la MySpace entwickelte, doch der Stich ins liberale Herz war die neue AGB, einherreitend mit der Erwähnung Dritter und dem Datenhandel.

Seitdem findet man zu den Ursprüngen des sozialen Netzwerkes zurück, man könnte meinen, studivz nehme nun reale Züge an. Rückzug ist angesagt, WWW ist aus, man findet sich in sozialen Gruppen und Klassen zusammen, der einstige Zusammenhalt ist zersplittert, die Einheiten voneinander getrennt. Geteilt wurde man ja bereits schon einmal, in Studi- und Schüli-Welt. Nun, das ist de facto – Gesellschaft, wie sie von Pierre Bourdieu oder Berger/Luckmann umschrieben wird. Das ist aber auch der Biedermeier, der Rückzug ins Beschauliche, ins Idyll und ins Private sucht. Hecken und Gartenzäune sprießen aus der Erde, mehr und mehr Bilder hängen an der Wand, Kaffeekränzchen im Chat zum Sonntag. Die Restauration als Antwort auf die Enttäuschung im großen Gedanken und der Hoffnung, die ins Netz gesetzt wurde?

Naja, umso mehr kann man sich wenigstens wieder über Besuch freuen..

tomprix

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Warum StudivZ eine Dorfkneipe ist…

All die sozialen Netzwerke sind Dorfkneipen, in denen sich die Dorfgemeinschaft nach einem harten Tag auf dem Feld versammelt und sich die Geschichten des Tages erzählt, ein bisschen plaudert, etwas scherzt, über das Nachbardorf lästert und die gute Ernte lobt. Da hat der Peter der Hilde einen Antrag gemacht, aber die will nicht recht und die Kuh vom Jürgen hat gekalbt und wäre beinahe dran gestorben, die arme Kuh, und was wäre dann erst aus dem Jürgen geworden. Der hat ja ooch nischt. Aber haste eigentlich schon gehört, was de Bürgermeister machen will? Der will uff seinem Grundstück nen Wintergarten bauen…mich wundert es ja imme wieder, wo der eigentlich das Geld her hat…

usw.

usf.

Soll heißen: Die Inhalte unterscheiden sich formal kaum von der Dorfgemeinschaft, alles ein großes Zetern und Flirten und Werben und Drohen.Durch all die Netzwerke ist letztlich nur eine weitere Ebene der Kommunikaton für uns dazu gekommen eine weitere Möglichkeit, Kommunikation auszudifferenzieren: Ein Brief hat Gewicht (im wahrsten Sinne des Wortes), ein Telefonat schon weniger, eine E-Mail ist schnell gelesen und schnell gelöscht und die SMS mit ihren paar Zeichen Platz sowieso ein Unding. Aber ob man die neue Möglichkeit nun nutzt oder nicht, bleibt da trotzdem jedem selbst überlassen.

Letztlich verlängert sich so die Kette der Kommunikationstechniken immer weiter, wird immer subtiler und bleibt am Ende doch völlig egal, wenn niemand etwas zu sagen hat, abends in der Dorfkneipe, und alle schweigen und nur zaghaft eine leise Stimme sich ein weiteres Bier bestellt – oder vielleicht jemanden gruschelt.

JollyJ